Gestern habe ich mir die Premiere von „Momo“ im Hans Otto Theater in Potsdam angesehen. Gedacht ist das Stück für Kinder ab 8 Jahren. Ich kann aber auch allen großen Kindern nur empfehlen: Schaut es Euch an!
Der Intendant des Hans Otto Theaters, Tobias Wellemeyer, hat den Roman von Michael Ende zusammen mit Beate Seidel für die Bühne bearbeitet. Der Regisseur Andreas Rehschuh entführt uns mit diesem Material in eine märchenhafte Welt und erzählt liebevoll die Geschichte der kleinen Momo (Juliane Götz), die sich mutig den grauen Herren stellt, um diese daran zu hindern, den Menschen ihre Zeit zu stehlen. Das phantastische Bühnenbild von Nicolaus-Johannes Heyse lässt die Zuschauer stauen und träumen. Warme, mediterrane Farben werden gebrochen durch das Grau der Stadt. Aufwendige Videoinstallationen und die vielfältigen Möglichkeiten der Drehbühne erschaffen immer wieder neue Motive und Spielmöglichkeiten für die Schauspieler. Momos Welt ist in Bewegung. Spätestens wenn das Schiff von Meister Hora (Roland Kuchenbuch), dem Verwalter der Zeit, vom Himmel schwebt sind die großen und kleinen Zuschauer verzaubert. Die Kostüme von Grit Walther verschmelzen perfekt mit dieser Welt und immer sticht Momo als leuchtender Farbklecks heraus. Vor allem, wenn im Verlauf des Stücks immer mehr Figuren ihre Farbe verlieren und sich in graue Gestalten verwandeln, weil die Grauen Herren ihnen ihre Zeit stehlen. Ein Highlight ist mit Sicherheit das Kostüm der Schildkröte Kassiopeia (Pavel Spatz), die Momo als Begleiterin zur Seite steht. Untermalt wird die Inszenierung mit wunderschöner Musik von Gundolf Nandico, die niemals im Vordergrund steht, die Handlung jedoch perfekt unterstützt und zusammen mit den eindrucksvollen Bildern eine märchenhafte Welt erschafft.
Das Ensemble aus zehn Schauspielern und drei Statisten spielt die Geschichte hervorragend und macht uns glauben, mehr als doppelt so viele Schauspieler auf der Bühne zu sehen. Juliane Götz hat in der Rolle der Momo eine für einen Schauspieler schwere Aufgabe: Zuhören. Momo hört zu und bringt die Menschen so dazu, ihr eigenes Glück zu finden. Diese Aufgabe meistert Juliane Götz mit Bravour. Ich habe ihr nicht nur gern beim Zuhören zugesehen, sondern sie auch gern antworten gehört und ihr frisches Spiel beobachtet. Am allerliebsten habe ich sie jedoch staunend vom Anblick Meister Hora's Welt und ihrer eigenen Zeit an der Bühnenkante stehen sehen. Durch ihre riesigen, leuchtenden Augen lässt sie die Zuschauer in ihr Herz sehen. Ein großes Kompliment an die 22 jährige Schauspielerin, die seit September im Ensemble des Hans Otto Theaters spielt und ganz nebenbei in diesem Jahr noch ihren Abschluss an der HFF in Potsdam macht. Herausragend spielen neben Juliane Götz auch Jon-Kaare Koppe und Holger Bülow. Holger Bülow spielt die Rolle des Gigi von Anfang an sehr agil und jung. Er ist immer in Bewegung und lässt das Stück so mit dem nötigen Schwung beginnen. Gigi ist neben Beppo dem Straßenkehrer (Marcus Kaloff) Momos bester Freund. Und genau das machen Juliane Götz und Holger Bülow in ihrem Spiel auch deutlich. Es war ein Fest, ihnen dabei zu zu sehen. Ebenfalls stark beeindruckt hat mich Jon-Kaare Koppe als „Chef der Grauen Herren“ und in der dazu stark kontrastierenden Rolle des Polizisten. Als Polizist strapaziert er die Lachmuskeln der Zuschauer und als Grauer Herr lässt er vor allem den kleinen Zuschauern einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
Eine sehr gelungene Inszenierung. Wenn ich eins kritisieren kann, dann ist es einzig der Moment, in dem sich der Tresor, in welchem die von den Grauen Herren gestohlene Zeit lagert, wieder öffnet. Nach den tollen Bildern und Effekten, die die Inszenierung bis zu diesem Zeitpunkt gezeigt hat, hätte ich mir an dieser Stelle noch etwas mehr erhofft. Aber, dies ist Frotzeln auf ganz hohem Niveau. Dem tollen Eindruck, den dieses Stück bei mir hinterlassen hat, tut dieser Moment keinen Abbruch. Ich danke Andreas Rehschuh für eine Kindertheaterinszenierung, die nicht auf Popoklatschtheater basiert und große und kleine Zuschauer ernst nimmt. Ich habe den Abend sehr genossen und in keinem Moment das Gefühl gehabt, ein Kinderstück zu sehen. Vielmehr ist es eine Inszenierung für die ganze Familie, die den großen und kleinen Zuschauern viel Freude bereitet. Der tosende Applaus, der die Schauspieler am Ende immer wieder auf die Bühne forderte, hat dies gestern bewiesen. Ich freue mich schon, auf das nächste Stück am Hans Otto Theater!
Euch wünsche ich einen schönen Sonntag und sage: Rein gehen!
LG Nadine
![]()





