Das brauchen manche: Um sich ihrer selbst vergewissern zu können, müssen sie "ihr E” über das “U” stellen. Seltener machen sich “U”-Künstler über “E” lustig, als dass “E”ler die “U”-Künstler verächtlich machen. Was ist aber heute “E”rnstes Theater? Und was “U”nterhaltendes?
“Politisches Theater heute funktioniert nicht mehr über Ideologien, sondern über gesellschaftliche Analyse”, behauptet - wie bereits achon einmal zitiert, die Programmdirektorin des Festivals “Theater der Welt”, Frie Leysen.
Und ich frage wieder: Wer aber liefert die Analyse?
Brauchen wir da jemand? Loriot? Dario Fo? Pollesch? Petras?
Ne, ich glaub, das leisten wir mal eben selbst. Und das Ergebnis unserer Analyse ist nicht falscher oder richtiger als das anderer. Aber es ist brauchbar. Für uns. Und unser Publikum.
Wir halten es gern mit Loriot zum Beispiel. Wie er möchten wir die eigenen Unzulänglichkeiten vor Augen halten, wie etwa die grassierende Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren. Oder die radikalen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Wie etwa Loriot (oder auch Dario Fo und seine Partnerin Franca Rame) mit wachem Blick das Verhalten von Politikern und anderen Machtmenschen geschickt entlarven und kleinbürgerliche Ordnungsprinzipien ad absurdum geführt haben (und führen), möchten auch wir mit den Stücken anderer Autoren, die wir in unseren Spielplan aufnehmen, vor allem aber mit unseren Eigenproduktionen in dieser Richtung “unterhalten”; das bringt keine Reputation bei den Auguren, macht aber im Theater denen auf der Bühne und vor allem denen im Parkett enormen Spaß.
Auch im 21. Jahrhundert wird aneinander vorbei geredet. Auch die ersten zehn Jahre dieses Jahrhunderts. Täglich. Und immer mehr. Es wird posaunt und auf Resonanz gehofft. Wieso? Woher kommt die Zuversicht? Die meisten betreten kein Theater, weil sie vermeinen zu wissen, was sie da erwartet. Grad unlängst war bei uns Premiere von “Venedig im Schnee”. Da haben uns etliche nachher angesprochen, die (immerhin 30- bis 40jährige) erstmals in einem Theater waren – die gaben an, sie seien echt überrascht gewesen, wieviel ihnen das zu sagen gehabt hätte, was sie gerade gesehen haben.
"Frühstück bei Kellermanns", "Versteh einer die Frauen", jüngst "Penny Lane" oder unsere Eigenproduktion "Die Liebe geht durch den Magen" haben reichlich positive blog-Kommentare eingefahren. Das Publikum fängt offenbar was damit an, die Theater-"Welt" und "das Feuilleton" weniger. Das ist ihnen zu alltäglich, zu direkt, nicht "Kunst" genug.
Immer wieder also stoßen wir auf dieses "U"-contra-"E"-Thema.
Klar: Bei “Kultur” geht es um Leute, die damit was anfangen können, um Publikum, um Rezipienten, LeserInnen, ZuschauerInnen, BesucherInnen. Wer sind die? Wo sind die? Wie erreich ich die? Wer darüber nicht nachdenken muss, machen kann, was er will, weil er in keiner Form, weder materiell noch emotional davon abhängig ist, braucht das nicht zu diskutieren.
Aber weshalb muss das meistgespielte Stück in deutschsprachigen Theatern Jahr für Jahr “Faust” (und keine Bange: Wir haben einen äußerst achtbaren “Faust” inszeniert und gespielt) sein? Weshalb wird in den Schulen immer wieder Goethe hochgehalten?
Die Leute interessieren sich neuerdings wieder mehr für Philosophie, aber sie lesen lieber Precht als Kant! Wieso glaubt man hierzulande, mit “Kunst” (und was das ist, definiert allein der “Künstler”) noch Leute hinterm Ofen hervorzulocken.
Mannomann: Bohlen jagd demnächst dem Gottschalk den Quotensieg ab – und Gottschalk war schon unsäglich. Die “Künstler” wollen aber immer noch ihre Kunst machen …
Es geht gar nicht um frei ausdiskutierbare Inhalte, weil die Diskussion schon nicht von Gleichen geführt wird. Es wird eher diktiert, von Meinungs-Monopolisten, die sich auf Grund erworbener Zertifikate berechtigt sehen. Ob sie diese Zertifikate berechtigterweise besitzen, kann auch nicht mehr angezweifelt werden.
(Wer eine Approbation besitzt, darf behandeln. Wer heilen kann, aber keine Approbation besitzt, muss sich das Heilen verkneifen, sonst wird er strafrechtlich verfolgt.)
Alle die "freien" Kollegen, die nicht an einer Hochschule studieren konnten, sondern ihre Diplome, Reifezeugnisse, staatlichen Anerkennungen an nichtstaatlichen Schauspielschulen erworben haben (und dabei ganz schön zur Kasse gebeten wurden), können ein Lied von dieser abqualifizierenden Beckmesserei singen. Guckt Euch die "Der Faust"-Vorschlags- und "Sieger"-Listen an. Das spricht eine deutliche Sprache.
Wir leben in Zeiten radikaler Vorherrschaft von ökonomisierter Naturwissenschaft und Technologie gegenüber Philosophie und Kultur. Es wird – und zwar vergeblich – mit allen möglichen Mitteln am sogenannten neuen Menschen gebastelt, theoretisch und praktisch, statt dem alten Menschen Bewusstsein für sich und seine Geschichte abzuverlangen – was Sache von Philosophie und Kultur sein könnte. Ein Paradox sondergleichen: Unser ganzes Dasein scheint von etwas beseelt, was alles andere als lebendig, sondern vielmehr ganz tot ist: Geld.

Am Sonntag fand ich in einer Zeitung ein großes Interview mit dem Titel “Alles, was Precht” ist. Daraus ein kurzer, provozierender Ausschnitt:
http://theater-neu-ulm.de/cmsroot/pdf/precht-interview.pdf
Was er da sagt, lässt sich auch auf die Inhalte (zum Beispiel) des Theaters, Theatermachens (und andere Kunst- und Kulturbereiche) übertragen.
Und? Was tun?





