Heute bekam ich folgenden Brief zugespielt, den ich großartig gekämpft finde!
AN ALLE FREIEN FILMSCHAFFENDEN UND PRODUZENTEN !
Letztes Aufbäumen und Hilferuf einer Garderobiere oder die Kampfansage von Ertrinkenden
Wer von uns kennt das nicht? Das Telefon klingelt… ein Produktionsleiter… Hurra, wir machen einen Film, ich will dich haben… aber meine Liebe – ich habe kein Geld.
Kannst du nicht mal die Ausnahme machen und für 400,-- Euro die Woche arbeiten…in der heutigen Zeit musst du doch froh sein, überhaupt eine Arbeit zu haben…
in der heutigen Zeit?
Ich soll froh sein?
Froh sein, wenn ich mit meiner Arbeit Produktionen unterstützen soll, wo…
- ich als Garderobiere dem Regisseur die private Hose ausziehen muss, um sie dem Schauspieler anzuziehen, weil die hübsche Kostümbildnerin es nicht geschafft hat, eine für die Rolle passende Hose zu besorgen
- der Oberbeleuchter der „Garderobiere“ zeigen muss, wie man einen Knopf annäht
- das Set steht, weil das Sakko des Schauspielers noch in der Hotelschneiderei ist, da die „Garderobiere“ es nicht schafft, die Ärmel schnell mal abzuschneiden
- beim „Drehfertig-machen“ der Kameramann höchstpersönlich jedes Mal von seinem Dolly steigen muss, um die Haare der Schauspielerin auf Anschluss zu bringen
- die Continuity dem „Garderobier“ erst mal erklären muss, was ein direkter Anschluss ist, oder schlimmer noch, wenn sie es selbst nicht weiß
- der Barkeeper des Hotels der ersten Staffel bei der zweiten Staffel plötzlich als Set-Aufnahmeleiter auftaucht und er gar nicht weiß, was er hier überhaut soll; außer „Ruhe bitte“ brüllen
- der Fahrer dem Schauspieler erklärt, wie er sein Kostüm tragen soll, weil es doch viel cooler sei, das Hemd über der Hose zu tragen…
- die Regieassistentin mit ihrem eigenen Lippenstift sich am Make Up der Schauspielerin zu schaffen macht
- der Set-Runner seine Brotzeit auf dem Dolly einnimmt und beim Absteigen 10m Schiene mit sich reißt
- der - ach so wichtige - Producer das Set besucht und in der Mittagspause hinter dem Rücken des Innenrequisiteurs sämtliche Anschlüsse zerstört, weil er sich einbildet, er müsse das Set neu einrichten, weil es doch so viieel schöner wäre
- der Aushilfs-Beleuchter dem Kameramann erklären möchte, warum er seine Kamera dort nicht aufzustellen hat, da der Lichtaufbau an dieser Stelle doch viel zu anstrengend und zu schwierig sei.
Wohin soll das alles noch führen?
Nein, ich bin nicht froh!
Denn ich habe keine Lust mehr, bei diesem Kasperletheater mitzuspielen.
Liebe Produzenten, Herstellungsleiter und Produktionsleiter
So nicht!
Wenn ihr gute Arbeit haben wollt, müsst ihr dafür auch gut bezahlen.
Die Personalpolitik, die ihr hier treibt, ist eine Frechheit, eine Missachtung unserer Arbeit. Es ist erniedrigend und eine Demütigung und Beleidigung für uns alle Filmschaffende. Vor allem, wenn man betrachtet, was z.B. RTL, Pro 7 oder Sat 1 im letzten Jahr an Profiten erwirtschaftet haben…
Wenn ihr so weitermacht, habt ihr bald keine ausgebildeten Mitarbeiter mehr. Und ihr schiebt alles auf die heutige Zeit und die Produktionsbedingungen.
Eure Leute, die jahrelang mit all ihrer Kraft und Arbeit eure Erfolge möglich gemacht haben, lasst ihr heute fallen, um sie billig zu ersetzen.
Als Produzenten tragt ihr einen großen Teil der Verantwortung dafür, dass es uns Filmschaffenden so schlecht geht, weil ihr mit euren niedrigen Kalkulationen ohne mit der Wimper zu zucken Existenzen vernichtet. Ihr nutzt die Situation von Ertrinkenden schamlos aus, indem ihr ihnen einen Strohhalm in Form eines weit unter Tarif bezahlten Jobs vor die Nase haltet, mit den Worten, „Ihr müsst froh sein, überhaupt einen Job zu bekommen“. So geht es aber nicht mehr lange, denn viele von uns sind schon ertrunken. Das ist Mord an einem ganzen Berufszweig, den ihr Produzenten mit zu verantworten habt.
Ich fordere euch auf, einen „normalen Stab“ zu kalkulieren, ein Team zusammenzustellen, in dem kein einziger Vertrag untertariflich ist und Praktikanten nur zusätzlich und nicht anstelle eines Kollegen engagiert werden.
Überprüft die Qualifikation der einzelnen Mitarbeiter, prüft ihr Können und was sie gelernt und gemacht haben.
Die alten Hasen unter euch wissen sowieso, dass ein motivierter Profi der Produktion mehr „ersparen“ kann als der ach so günstig eingekaufte Praktikant oder Quereinsteiger.
Statt ins Ausland abzuwandern, um dort billig zu produzieren, kämpft dafür, dass die deutsche Filmindustrie gesundet, damit es wieder bergauf gehen kann.
Es soll ja auch noch Produktionsleiter geben, die glücklich sind, ein gutes Team zu haben. Solltest du einer von denen sein (ich küsse dich), dann hilf uns und bleib auf unserer Seite.
Hilferuf an Regie und Kamera (waren wir nicht mal eine Familie?)
Bitte nehmt auch ihr es nicht einfach hin, wenn euch ungelernte Praktikanten vor der Kamera herumhüpfen und euch ständig im Weg stehen. Besteht auch ihr auf ausgebildeten Kollegen, die nicht eure Fragen mit „warum? – weiß ich nicht – kann ich nicht – hab ich nicht – warum soll ich das tun? – oder geht nicht“ beantworten.
Bitte helft auch ihr, die Spreu vom Weizen zu trennen!
Damit wir irgendwann wieder ein professionelles Team, ein „Miteinander und Füreinander da sein“ kennen.
Es ist ja auch für euch eine Zumutung, sich ständig mit „Hurra ich bin beim Film“- Leuten herumzuschlagen.
Verlangt (!) diszipliniertes und verantwortungsvolles Arbeiten, seht nicht weg, sondern fordert gute und pünktliche Arbeit von allen Abteilungen!
An alle Schauspieler
Du als Schauspieler müsstest am besten wissen, was ein gutes Team wert ist.
Wenn wir dir jeden Wunsch von den Augen ablesen, wenn wir im Vorfeld alle Unklarheiten beseitigen, weil wir unsere Hausaufgaben gemacht haben.
Wenn wir für dich da sind und dir jegliche Aufregung vom Leibe halten und du dich voll auf dich und deine Rolle konzentrieren kannst,
Darum fordere auch du gute Leute, auf die du dich verlassen kannst, Kollegen, denen du vertrauen kannst, lass dich nicht mit billigen, drittklassigen Leuten abspeisen. Bestehe auf altbewährten Kollegen, mit denen du schon gute Erfahrungen gemacht hast.
Liebe Kolleg/inn/en
wir dürfen uns das nicht länger gefallen lassen!
Wir Profis müssen zusammenhalten und gemeinsam kämpfen. Nur wenn wir alle an einem Strick ziehen, haben wir noch eine Chance, auch weiterhin in unserem Beruf zu arbeiten. Auch unsere lieben Produzenten werden früher oder später einsehen, dass man mit billigen, unqualifizierten Praktikanten auch nur billige und unprofessionelle Arbeit erhalten kann.
Es geht bei uns ja nicht – wie in der Metallndustrie - um eine 35- bis 42-Stundenwoche, bei uns geht es um 72 bis 96 Stunden in der Woche.
Das schaffst du nur mit dem Wissen: „Augen zu und durch, solange die Kohle stimmt“. Du schaffst es nicht bei „Mist, schon wieder 6 Stunden über der Zeit, die dir nicht bezahlt werden, weil Pauschalvertrag“ – also Finger weg von Pauschalverträgen!
(Von nicht eingehaltenen Nacht-Ruhezeiten spreche ich erst gar nicht. Und erst recht nicht davon, dass ich mich von Rechts wegen täglich strafbar mache, weil ich ohne eingehaltene Pause nach so vielen Stunden ein Produktionsauto fahre.)
• Verkauft euch nicht unter Tarif!
• Lasst euch nicht auf Pauschalverträge ein!
• Besteht auf Nachtruhezeiten!
• Verhandelt ein Überstundenausgleichskonto, hängt alle Überstunden an den Vertrag hinten an! Nur so könnt ihr am Arbeitsamt überleben.
• Lasst euch nicht auf Praktikanten anstelle von gleichwertigen Kollegen ein. Denn das heißt doppelte Verantwortung, für zwei denken und arbeiten und all den Mist von Unwissen und Nichtkönnen auffangen.
• Lasst euch von jungen Kostümbildnern vorlegen, was sie gemacht und gelernt haben, denn ihr steht an der Front und habt alles auszubaden, was ein unwissender Kostümpfuscher so fabriziert. – Das gilt natürlich auch für alle anderen Abteilungen.
• Lasst billige Leute an die Wand laufen, denn die machen das auch mit euch, indem sie eure Gage unterbieten.
• Habt den Mut, nein zu sagen
Wenn dir ein Produktionsleiter erzählen möchte, der Tarifvertrag sei ja außer Kraft gesetzt, dann bestehe auf dem gültigen Arbeitszeitgesetz. Dieses gilt natürlich auch für dich. Nur kommst du dabei besser weg, denn da gibt es nur einen 8-Stundentag. Die neunte Stunde ist bereits eine Überstunde und mehr als zehn Stunden sind illegal.
Wir müssen zusammenhalten, dieser Brief muss jeden von uns erreichen, jeder, der ihn liest, soll ihn bitte vervielfältigen und an die nächsten Kollegen weiterschicken. Die Kette darf nicht abreißen, bis wir alle erreicht haben.
Ich zähl auf jeden von euch!
Eure noch schwimmende Kollegin





