Im Oktober 2010 traf ich Dirk van den Berg um mit Ihm über seinen kommenden Film "Seams of Desire" zu sprechen. Ich bin auf aufgrund seiner interessanten Blogs, die er auf der 4Film veröffentlichte und wegen des sehr spannenden Trailers zum neuen Film, auf Dirk aufmerksam geworden. Das Interview hat mir sehr viel Spaß und gemacht und ich habe viel neues gelernt. Wir haben es auch für euch aufgenommen und werden es, sobald es fertig ist, hier veröffentlichen.
4FILM.EU - Dirk van den Berg, in ihrem demnächst erscheinenden Film „Seams of Desire“ interviewen sie syrische Frauen.
Wer sind diese Frauen und welche Geschichte haben sie zu erzählen?
Dirk van den Berg- Die Frauen in SEAMS OF DESIRE sind nach langen Monaten Recherche in Damaskus und anderen syrischen Städten sehr bewusst ausgewählt worden. Während der Suche stellte meine – ebenfalls aus Syrien stammende - Regisseurin fest, dass viele Frauen "reden wollen", egal aus welchem gesellschaftlichen oder sozialen Gefüge sie stammen. Unser Anliegen war, Frauen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und Religionen bzw. Kulturkreisen vor die Kamera zu bekommen, um so ein möglichst breites Bild darstellen zu können. Außerdem handelt es sich um Frauen aus verschiedenen Altersgruppen, also bewusst nicht nur die "jungen, aufgeschlossenen, modernen" Frauen. Wir haben drei Muslimas, zwei Kurdinnen, zwei Christinnen und eine Frau aus tscherkassischer Familie interviewt. Allen gemeinsam ist, dass sie ihr persönliches, sehr privates Leben selbst in die Hand nehmen und nicht nur brav den männerdominierten Traditionen folgen wollen. Andererseits ist ihnen allen aber auch klar, dass sie vor einer Kamera Missstände aufzeigen, von denen viele andere Frauen betroffen sind, die nicht den Mut haben, zu reden oder innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft schlicht nicht reden können.
4FILM.EU - Welche ist die Rolle der Frau?
Dirk van den Berg – Es ist ein sehr komplexes Unterfangen, ein umfassendes Bild des patriarchalischen Systems wiedergeben zu wollen, das will ich mir nicht anmaßen. Und selbst wenn ich es versuchen würde, sprengt das hier den Rahmen. Die Frauen in einer Gesellschaft wie beispielsweise in Syrien oder der Türkei bewegen sich in einer von Traditionen geleiteten Gesellschaft – so säkular diese Gesellschaft auch sein mag. Offiziell verbietet ihnen niemand den Mund, aber trotzdem haben Jahrhunderte alte Traditionen viel mehr Einfluss auf das Leben der Menschen als die offiziell verankerte Trennung von Staat und Religion. Auch wenn Frauen hier von Gesetz wegen ihre Freiheit hätten, benutzen sie diese meist nicht. Denn ihr soziales und religiöses Umfeld weist sie in klare, wenngleich ungeschriebene, über Generationen weiter gegebene Schranken. Und die werden von Männern geregelt, von Männern verwaltet, von Männern überwacht. Auch in Syrien oder der Türkei ist eine Frau ohne einen Mann – sei sie geschieden oder bewusst unverheiratet – eine absolute Ausnahmeerscheinung.
4FILM.EU - Was passiert mit den Frauen, die Regeln brechen?
Dirk van den Berg - Eine „unserer“ Frauen hat sich ein freies, unabhängiges Leben auf gesellschaftlicher, sozialer und sexueller Ebene aufgebaut. Sie hat es geschafft, eine Boutique mit ganz besonderer Wäsche und sehr speziellen Dessous in Damaskus zu einem echten Attraktionspunkt in der Stadt zu machen. Trotzdem ist sie eine Ausnahme. Im Gespräch mit ihr wird klar, dass sie für ihre Unabhängigkeit einen hohen Preis zahlen musste. Als sie sich von ihrem ersten Mann hat scheiden lassen, schloss ihre Familie sie aus, als Geschiedene wurde sie geächtet. Sie hat sich ihr Leben neu aufbauen müssen, ist ins Ausland gegangen (den Libanon) und hat dort eine neue Familie gegründet. Sie lebt heute in Beirut, hat mit ihrem Laden in Damaskus Erfolg, lebt angesehen und auch von vielen Frauen bewundert. Aber all dies hat sie sich erkämpft, buchstäblich. Eine andere, noch sehr junge Frau, die unbedingt bei dem Film dabei sein wollte, hatte uns gebeten, das wir das Interview mit ihr möglichst schnell machen sollten: ihre schon seit Jahren geplante Verlobung stand kurz bevor. Ab dem Moment, wo der Verlobte ihr wahrscheinlich verboten hätte, bei dem Film mitzumachen, hätte sie sich seinem Willen fügen müssen. Also haben wir uns beeilt und extra für sie den Dreh um einige Wochen vorgezogen. Als wir dann in Damaskus ankamen, hatte sie von ihren Eltern - speziell ihrem Vater - unmissverständlich gesagt bekommen, dass sie bei dem Film nicht mitmachen dürfe, dies sei eine Frage der Religion und der Familienehre. Falls doch, müsse sie mit "schlimmsten Konsequenzen" rechnen. Ich befürchtete, dass sie sich zurückzieht - aber ihr Wille sich mitzuteilen war so groß, dass sie unbedingt vor der Kamera sprechen wollte. Wir haben heimlich mit ihr gedreht, ihr Gesicht und ihre Stimme unkenntlich gemacht. Ihr Mut und ihre Entschlossenheit waren stärker als die Angst. Die Begegnung mit ihr ist für mich eines der eindrucksvollsten Erlebnisse der letzten Jahre...