Gestern Nacht habe ich endlich mein Hotel gewechselt. das mit ausländischen Journalisten gefüllte Heetal ist die teuerste Herberge am Platze, jedes Fitzelchen Service kostet gleich 10 Dollar, das Frühstück war beschissen und die Zimmer mit dünnsten Wänden und winzig klein. Bin in ein von Afghanis und Iranern bevorzugtes Hotel in der Weststadt umgezogen. Habe von meinem Zimmer im 4. Stock eine wunderbare Sicht auf die Berge im Nordwesten der Stadt, das Zimmer ist für afghanische Verhältnisse schon fast Luxus. Und die Menschen sind andere.
Heute morgen um 4 gab es eine Bombendrohung in meinem alten Hotel. Alle mussten raus auf die "Strasse" davor, während türkische und italienische Bombenentschärfer zugange waren. Nichts gefunden, gegen halb 6 dann Entwarnung. Mein Executive Producer, der noch im Heetal wohnt, hat eine schlaflose Nacht hinter sich. Ich mal ausnahmsweise nicht.
Gestern abend noch sind wir am Compound Warehouse vorbeigefahren, in dessen unmittelbarer Nähe einer unserer engsten Freunde hier in Kabul lebt und eine der Hauptlocations des afghanischen Teils dieses Filmes ist.
Heute morgen gab es genau dort eine erneute Attacke der Taliban, die ihre "Versprechungen" in die Tat umsetzen machen wollen: die Zivilbevölkerung soll möglichst abgeschreckt werden, am Donnerstag dem 20. zur Wahl zu gehen. Und die Bomben sind nur ein Teil der Strategie, denn die Talibs haben gedroht, jedem, den sie mit tintenbefleckten Fingern oder Daumen erwischen (so wählt man hier, die Finger werden auf ein Stempelkissen gelegt und dann setzt man seinen "Abdruck" unter den gewünschten Kandidaten), die Finger oder sogar die ganze Hand abzuhacken.
Wir drehen weiter. Schliesslich haben wir das bisher immer getan. Seit 5 Wochen unterwegs in Syrien, Irak, Jordanien und jetzt Afghanistan, stehen uns noch weitere 3 Wochen in Palästina, Israel und wieder Syrien bevor. Angst darf man dabei keine haben, man muss sie Uunterdrücken oder kanalisieren. Sonst dreht man gar nicht mehr.
Heute morgen im alten Teil von Kabul. Wir waren gerade mit unseren Kameras in der Gasse angekommen, wo unzählige bunte Vögel und andere Tiere verkauft werden, da donnerte es von nicht allzu weit, und eine zwar schwache aber merkliche Druckwelle erreichte uns. Menschen und Tiere hielten den Atem an, für ein paar Augenblicke war es still. Als dann eine Rauchwolke im Stadtinneren aufstieg, wunderte sich keiner: das Leben ging weiter. Kurz danach trafen die ersten Nachrichten ein vom Selbmordanschlag vor dem ISAF-Hauptquartier. Welcome to Afghanistan.